Die Enddokumentation des Projektes
„Kann Spuren von Kunst enthalten“
können Sie hier als digitale PDF downloaden.

Weiterdenken. Soziokultur 2030

In wenigen Jahren wird unsere Gesellschaft älter und multikultureller, und unser Alltag digitalisierter sein. Zuwanderung, Generationswechsel, Stadt- und Regionalentwicklung sind beherrschende Themen. Wie wird das Zusammenleben in Städten und auf dem Land funktionieren? Wie können wir Bürger/innen diese Zukunft mitgestalten? Und welchen Beitrag kann oder soll die die Soziokultur leisten?

Die Soziokultur ist als kulturelle Praxis mit ihren Methoden der aktiven Beteiligung sehr mit dem Alltagsleben ihres jeweiligen Umfeldes verbunden und gestaltet unmittelbar die gesellschaftlichen Veränderungen der Zukunft mit. Das haben die drei Landesverbände LAG Soziokultur Niedersachsen e.V., LAG Soziokultur Thüringen e.V. und LAKS Baden-Württemberg e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. zum Anlass genommen, das Forschungsprojekt „Weiterdenken. Soziokultur 2030“ zu starten. Dabei sollen die zukünftigen gesellschaftlichen Veränderungen sowie die daraus folgenden Herausforderungen für die Soziokultur erforscht werden. Ziel ist es, mithilfe von wissenschaftlichen und auch künstlerischen Forschungsergebnissen die Soziokultur für die Zukunft zu rüsten.

Im Zentrum des Forschungsinteresses stehen dabei die soziokulturellen Akteure (Künstler/-innen, Mitarbeiter/-innen, ehrenamtlich Aktive, Besucher/-innen, Nutzer/-innen etc.), ihre Konzepte (der künstlerischen Arbeit, der Einbeziehung der Besucher/-innen und Nutzer/-innen etc.) sowie die Strukturen (Arbeits-, Träger-, Verbandsstrukturen etc.), die sich die Soziokultur gegeben hat und in denen sie sich bewegt. Nicht zuletzt stellen auch die Themen Förderung und Finanzierung von (Sozio-)Kultur ein wichtiges Untersuchungsfeld dar.

Bei allen Forschungsthemen sollen zudem mögliche Unterschiede zwischen Ost/West, Stadt/Land, Mann/Frau und verschiedene Generationen berücksichtigt und reflektiert werden.

Die Forschungsmethoden

Das Forschungsprojekt verfolgt einen sehr breiten Forschungsansatz, der sowohl wissenschaftliche als auch künstlerische Forschung einbezieht. Er ist dabei interdisziplinär angelegt, d.h. Forscher/-innen der Kulturwissenschaften sind ebenso am Projekt beteiligt wie beispielsweise Soziologen/-innen, Arbeitswissenschaftler/-innen und Trendforscher/-innen. Sie arbeiten im Forschungsprojekt genauso mit wie die Künstler/-innen. Darüber hinaus ist das Projekt partizipativ angelegt, d.h. auch die soziokulturellen Akteure vor Ort und ihre Anliegen werden in das Forschungsprojekt sowie in die Diskussion von Teilergebnissen einbezogen.

Im Forschungsprojekt werden wissenschaftliche und künstlerische Forschung als gleichberechtigt angesehen. Denn sowohl Wissenschaft als auch Kunst werden von demselben Antrieb geleitet: Beide streben nach Erkenntnisgewinn und Wissensvermehrung. So versteht die künstlerische Forschung den Prozess des künstlerisch-kreativen Schaffens als diskursiven Prozess, der, ebenso wie die Methoden der etablierten Wissenschaften, Erkenntnis erzeugt. Die Forschung kann dabei in mehreren Phasen künstlerisch umgesetzt werden: in den Methoden (wie Recherche, Archiv, Erhebung, Interpretation und Deutung, Experiment), in der Motivation, in der Reflexion, der Diskussion, in der Formulierung der Forschungsfragen, in Konzeption und Komposition, in der Durchführung, in der Publikation, in der Art und Weise des Diskurses etc.

Anders als in der Wissenschaft, bei der es um größtmögliche Objektivität und nachprüfbares Wissen geht, ist das durch die künstlerische Forschung erzeugte Wissen sinnlich und körperlich, muss also individuell erfahren und erfühlt werden.

Im skizzierten Forschungsprojekt eignet sich der Einsatz künstlerischer Forschung besonders deshalb, weil sie flexibel auf gesellschaftliche Fragestellungen reagieren kann. Sie produziert Versuchsanordnungen und Experimentierräume für aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen, ordnet kulturelle und historische Kontexte, ermöglicht Teilhabe auch für Akteure, deren Stimmen andernfalls zu wenig Gehör finden würden oder eröffnet alternative/utopische Perspektiven.

„kunstgriff“

Der Einsatz künstlerischer Forschung wurde dabei in einem ersten Schritt im November 2014 erprobt: Im Rahmen des Workshops „kunstgriff“ entwickelten Akteure aus der soziokulturellen Praxis Visionen für die Soziokultur 2030. Das Berliner Künstlerduo „REINIGUNGSGESELLSCHAFT“ entwickelte die Versuchsanordnung eines filmisch begleiteten Castingshow-Contests. Innerhalb dieses künstlerischen Formats übernahmen die Teilnehmer/-innen im Rotationsprinzip verschiedene Aufgaben eines Filmsets – sie verantworteten die Aufnahmeleitung, waren Kameraassistent/-in, Toningeneur/-in, Make-up-Artist/-in sowie Juror/-in und standen natürlich als Protagonist/-in auf der Bühne, wo sie ihre individuellen Visionen für die Soziokultur 2030 entwarfen und vor der Jury verteidigten. Dabei konnten zusätzliche, von den Initiatoren bislang noch nicht berücksichtigte, den soziokulturellen Akteuren aber wichtige Forschungsaspekte erfasst und in das Forschungsdesign einbezogen werden.